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Joghurt und Darmgesundheit: Was eine neue Studie mit 9.405 Erwachsenen zeigt
Joghurt gehört für viele ganz selbstverständlich in den Kühlschrank. Doch hinter dem alltäglichen Lebensmittel steckt aus wissenschaftlicher Sicht erstaunlich viel interessante Biologie.
Eine neue Studie mit 9.405 Erwachsenen ab 50 Jahren liefert nun einen weiteren spannenden Hinweis darauf, wie Ernährung und Darmgesundheit zusammenhängen könnten. In der Analyse untersuchten die Forschenden, ob der Konsum von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika mit dem Auftreten von Darmkrebs in Verbindung stand. Dabei zeigte sich ein auffälliger Zusammenhang: Bei Personen, die entsprechende Lebensmittel oder Nahrungsergänzungen konsumierten, lagen die statistischen Odds für eine berichtete Darmkrebsdiagnose rund 50 % niedriger als in der Vergleichsgruppe.
Das klingt zunächst deutlich. Wichtig ist jedoch die richtige Einordnung: Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang, beweist aber nicht, dass Joghurt, Präbiotika oder Probiotika das Darmkrebsrisiko tatsächlich halbieren oder die Erkrankung verhindern.
Warum das Ergebnis trotzdem interessant ist? Weil es zu einem Forschungsfeld führt, das in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat: unser Darmmikrobiom und die Frage, wie unsere Ernährung dieses komplexe Ökosystem beeinflusst.
Übersicht
- Warum Joghurt wissenschaftlich so interessant ist
- Wie die neue Studie aufgebaut war
- Was die Forschenden gefunden haben
- Was das Darmmikrobiom damit zu tun haben könnte
- Warum eine frühere Studie das Bild noch spannender macht
- Was bedeutet das für den Alltag?
- Was die Studie nicht beweisen kann
- Darmmikrobiom und gesundes Altern
- FAQ
- Fazit
Warum Joghurt wissenschaftlich so interessant ist
Joghurt gehört für viele Menschen ganz selbstverständlich zum Frühstück. Zusammen mit Haferflocken, Beeren oder Müsli landet er auf dem Frühstückstisch, ohne dass man sich viele Gedanken darüber macht. Aus wissenschaftlicher Sicht steckt hinter diesem alltäglichen Lebensmittel jedoch erstaunlich viel Biologie.
Denn Joghurt ist nicht einfach nur weiterverarbeitete Milch, sondern gehört zu den sogenannten fermentierten Lebensmitteln. Bei seiner Herstellung übernehmen Mikroorganismen einen entscheidenden Teil der Arbeit: Bestimmte Milchsäurebakterien wandeln den in der Milch enthaltenen Milchzucker – die Laktose – in Milchsäure um. Dadurch verändern sich der pH-Wert und auch die Eigenschaften des Lebensmittels. Es entstehen die typische Konsistenz und der leicht säuerliche Geschmack von Joghurt.

Damit ist Joghurt auch direkt eng mit einem der spannendsten Forschungsfelder der modernen Ernährungswissenschaft verbunden, unserem Darmmikrobiom. In unserem Darm leben Billionen von Mikroorganismen, darunter eine Vielzahl an verschiedenen Bakterien. Sie verarbeiten Bestandteile unserer Nahrung, produzieren eigene Stoffwechselprodukte und stehen in ständigem Austausch mit Darmschleimhaut und Immunsystem. Was wir essen, versorgt deshalb nicht nur unseren eigenen Körper mit Nährstoffen. Es beeinflusst gleichzeitig ein komplexes mikrobielles Ökosystem in uns. Und genau diese Verbindung rückt zunehmend in den Fokus der Forschung.
Eine im Juli 2026 veröffentlichte Studie in Nutrition & Diabetes hat nun Daten von 9.405 Erwachsenen ab 50 Jahren ausgewertet. Die Forschenden wollten wissen, ob der Konsum von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika mit der Häufigkeit von Darmkrebs zusammenhing. Probiotika sind lebende Mikroorganismen, beispielsweise bestimmte Bakterien, die in ausreichender Menge einen gesundheitlichen Nutzen haben können. Präbiotika sind dagegen bestimmte Nahrungsbestandteile, die von Mikroorganismen im Darm genutzt werden können und ihnen vereinfacht gesagt als Nahrung dienen.
Das Ergebnis dieser Studie fiel überraschend deutlich aus:
Bei Personen mit entsprechendem Konsum lagen die statistischen Odds für eine berichtete Darmkrebsdiagnose etwa 50 % niedriger. Vereinfacht gesagt lagen die statistischen Chancen für das Auftreten von Darmkrebs bei diesen Personen um 50% niedriger. Das klingt zunächst nach einer ziemlich starken Aussage. Doch bedeutet das tatsächlich, dass Joghurt vor Darmkrebs schützt?
Nein – denn die Studie zeigt zunächst eine Korrelation, also einen statistischen Zusammenhang. Eine Kausalität kann sie dagegen nicht nachweisen. Kausalität würde bedeuten, dass der Konsum von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika tatsächlich die Ursache für die geringere Häufigkeit von Darmkrebs war.
Das Ergebnis ist trotzdem wissenschaftlich interessant. Denn es fügt sich in ein wachsendes Forschungsfeld ein, das untersucht, wie Ernährung, Darmbakterien und langfristige Gesundheit miteinander verbunden sein könnten.
Korrelation ist nicht gleich Kausalität
Ein einfaches Beispiel
Im Sommer steigen häufig sowohl der Eisverkauf als auch die Zahl der Sonnenbrände. Trotzdem verursacht Eisessen natürlich keinen Sonnenbrand.
Beide Entwicklungen hängen mit einem dritten Faktor zusammen: warmem, sonnigem Wetter.
Ähnlich vorsichtig müssen auch Zusammenhänge in Ernährungsstudien interpretiert werden. Menschen, die regelmäßig Joghurt essen, könnten sich beispielsweise auch insgesamt anders ernähren oder einen anderen Lebensstil haben. Genau deshalb ist entscheidend, welche möglichen Einflussfaktoren eine Studie berücksichtigt.

Wie die neue Studie aufgebaut war
Für ihre Analyse griffen die Forschenden auf eine der bekanntesten Gesundheitsdatenbanken der USA zurück: die National Health and Nutrition Examination Survey, kurz NHANES.
NHANES ist keine einzelne klinische Studie. Stattdessen werden regelmäßig Tausende Menschen zu ihrer Ernährung, ihrem Lebensstil und ihrer Gesundheit befragt und medizinisch untersucht. Über viele Jahre entsteht dadurch ein umfangreicher Datensatz über die US-Bevölkerung.
Für die aktuelle Untersuchung wurden Daten aus den Jahren 2001 bis 2020 ausgewertet.
Insgesamt erfüllten 9.405 Erwachsene im Alter von mindestens 50 Jahren die Einschlusskriterien der Forschenden. Durch die statistische Gewichtung der NHANES-Daten repräsentiert diese Gruppe nach Angaben der Autoren rund 37 Millionen Erwachsene in den USA.
Im Mittelpunkt standen drei Ernährungsfaktoren:
- Joghurt
- Probiotika
- Präbiotika
Anschließend verglichen die Forschenden diese Angaben mit der erfassten Krankengeschichte der Teilnehmer – darunter auch die Frage, ob jemals Darmkrebs diagnostiziert worden war.
Für die Einordnung entscheidend
Die Forschenden gaben Menschen also nicht gezielt Joghurt und beobachteten anschließend über Jahre, wer Darmkrebs entwickelte. Sie analysierten bereits vorhandene Ernährungs- und Gesundheitsdaten und suchten darin nach statistischen Zusammenhängen.
Wie berücksichtigt man andere Lebensstilfaktoren?
Eine der größten Schwierigkeiten bei Ernährungsstudien ist, dass Menschen nicht nur ein einzelnes Lebensmittel essen. Wer regelmäßig Joghurt konsumiert, könnte sich insgesamt anders ernähren, mehr Ballaststoffe essen, seltener rauchen oder einen anderen Lebensstil haben als jemand, der keinen Joghurt isst.
Deshalb berücksichtigten die Forschenden in ihren statistischen Modellen zahlreiche mögliche Einflussfaktoren – darunter Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildungsniveau, Rauchen, BMI, Energieaufnahme, Ballaststoff- und Fleischkonsum sowie verschiedene Gesundheitsparameter. Auch nach dieser statistischen Anpassung blieb der beobachtete Zusammenhang bestehen.
Was genau haben die Forschenden gefunden?
Nach der statistischen Anpassung lag die sogenannte Odds Ratio bei 0,50. Das klingt sehr technisch, lässt sich aber relativ einfach erklären. Eine Odds Ratio von 1,0 würde bedeuten, dass zwischen beiden Gruppen kein statistischer Unterschied besteht. Ein Wert von 0,50 bedeutet dagegen, dass die Odds für eine berichtete Darmkrebsdiagnose in der Gruppe mit Joghurt-, Präbiotika- oder Probiotikakonsum etwa halb so hoch waren wie in der Vergleichsgruppe. Und das ist ein bemerkenswerter Zusammenhang.
Wichtig ist allerdings, die Ergebnisse richtig einzuordnen: Die rund 50 % niedrigeren statistischen Odds zeigen einen durchaus deutlichen und interessanten Zusammenhang. Sie liefern damit einen weiteren Hinweis darauf, dass Joghurt, Präbiotika und Probiotika im Kontext der Darmgesundheit wissenschaftlich relevant sein könnten. Gleichzeitig zeigt die Studie einen Zusammenhang und keine nachgewiesene Schutzwirkung. Wir können also nicht sagen, dass Joghurt Darmkrebs verhindert – wohl aber, dass die Ergebnisse bemerkenswert genug sind, um diesen Zusammenhang genauer zu erforschen.
Wissenschaftlich wichtig
„50 % niedrigere Odds“ bedeutet nicht automatisch „50 % weniger Darmkrebs“.
Und noch wichtiger: Die Studie zeigt eine Assoziation, keine nachgewiesene Ursache. Die Ergebnisse zeigen dennoch einen deutlichen statistischen Zusammenhang, der wissenschaftlich interessant ist.
Was könnte im Darm dahinterstecken?
Um zu verstehen, warum Joghurt und andere fermentierte Lebensmittel für die Mirkobiomforschung so interessant sind, lohnt sich ein Blick auf die Billionen Mikroorganismen, die unseren Darm besiedeln.
Denn nicht alles, was wir essen, wird im Dünndarm vollständig zerlegt und aufgenommen. Bestimmte Nahrungsbestandteile – darunter verschiedene Ballaststoffe – gelangen weiter in den Dickdarm. Dort treffen sie auf unsere Darmbakterien, die diese Stoffe weiterverarbeiten können. Und dabei entstehen neue Substanzen, die wiederum mit unserem Körper interagieren. Besonders intensiv untersucht werden die sogenannten kurzkettigen Fettsäuren (Short-Chain Fatty Acids, kurz SCFAs). Sie entstehen unter anderem, wenn bestimmte Darmbakterien unverdauliche Kohlenhydrate und Ballaststoffe fermentieren. Eine dieser kurzkettigen Fettsäuren ist Butyrat.
Butyrat ist für die Forschung besonders interessant, weil es den Zellen unserer Dickdarmschleimhaut als wichtige Energiequelle dient. Darüber hinaus wird untersucht, welche Rolle Butyrat bei der Aufrechterhaltung der Darmbarriere sowie bei Immun- und Entzündungsprozessen spielt.
Wichtig hierbei: Die aktuelle NHANES-Studie hat das Darmmikrobiom selbst nicht untersucht. Die beschriebenen Prozesse liefern daher eine biologisch plausible Erklärung, warum Ernährung, Darmmikrobiom und Darmgesundheit miteinander verbunden sein könnten. Sie beweisen aber nicht, dass genau dieser Mechanismus für den in der Studie beobachteten Zusammenhang verantwortlich war.
Warum eine frühere Studie das Bild noch spannender macht
Die aktuelle Untersuchung steht mit ihren Ergebnissen nicht allein. Bereits 2025 veröffentlichte ein Forschungsteam eine große prospektive Analyse mit Daten von insgesamt 132.056 Personen aus der Nurses' Health Study und der Health Professionals Follow-up Study.
Anders als bei der aktuellen NHANES-Analyse wurden die Teilnehmenden dabei über einen längeren Zeitraum begleitet. Während dieser Nachbeobachtung traten insgesamt 3.079 neue Darmkrebsfälle auf. Besonders interessant war jedoch, dass die Forschenden nicht nur untersuchten, wie viel Joghurt die Teilnehmenden regelmäßig konsumierten und wer später an Darmkrebs erkrankte. Sie gingen einen entscheidenden Schritt weiter.
Bei einem Teil der Tumoren analysierten sie zusätzlich, ob Bifidobacterium nachweisbar war. Bifidobakterien gehören zu den Bakteriengruppen, die natürlicherweise auch im menschlichen Darm vorkommen und häufig im Zusammenhang mit dem Darmmikrobiom untersucht werden. Dabei zeigte sich ein bemerkenswertes Muster: Ein höherer langfristiger Joghurtkonsum war insbesondere mit einem geringeren Auftreten bestimmter Darmtumoren verbunden, in denen Bifidobacterium nachgewiesen werden konnte. Bei Tumoren ohne diesen Nachweis zeigte sich kein vergleichbar deutlicher Zusammenhang.
Warum das besonders interessant ist
Nicht jeder Darmkrebs ist biologisch identisch
Darmkrebs ist biologisch betrachtet nicht einfach eine einzige, immer gleich verlaufende Erkrankung. Tumoren können sich beispielsweise in ihren molekularen Eigenschaften, ihrer Lage im Darm und offenbar auch in ihrer mikrobiellen Umgebung unterscheiden.
Genau deshalb versucht die moderne Forschung zunehmend, solche Unterschiede zu berücksichtigen. Denn möglicherweise hängt eine Ernährungsgewohnheit nicht mit allen Formen einer Erkrankung gleichermaßen zusammen, sondern nur mit bestimmten biologischen Untergruppen.
Wie genau diese Zusammenhänge funktionieren, ist noch nicht abschließend geklärt. Aber gerade das macht die Forschung so spannend: Sie beginnt zunehmend zu entschlüsseln, wie Ernährung, Mikroorganismen und unsere eigenen Zellen miteinander interagieren.
Die wissenschaftlich treffendere Frage lautet daher nicht einfach: „Schützt Joghurt vor Darmkrebs?“ Sondern vielmehr: Welche Rolle könnten fermentierte Lebensmittel und das Darmmikrobiom innerhalb der komplexen Prozesse spielen, die langfristig unsere Darmgesundheit beeinflussen?
Was bedeutet das für den Alltag?
Was lässt sich aus diesen Ergebnissen nun praktisch mitnehmen? Zunächst einmal liefern sie keinen Grund, Joghurt plötzlich als medizinisches „Schutzlebensmittel“ zu betrachten. Sie passen aber gut zu einem größeren Bild, das sich in der Ernährungsforschung zunehmend abzeichnet: Für unsere Gesundheit ist meist nicht ein einzelnes Lebensmittel entscheidend, sondern das Ernährungsmuster, in das es eingebettet ist.
1. Naturjoghurt kann ein sinnvoller Bestandteil der Ernährung sein
Naturjoghurt liefert unter anderem Protein und Calcium. Gleichzeitig enthält er durch die Fermentation charakteristische Bakterienkulturen.
Wer Joghurt gut verträgt, kann ihn daher gut in eine abwechslungsreiche Ernährung integrieren. Dabei bietet sich vor allem Naturjoghurt an, da viele Frucht- und Dessertjoghurts zusätzlich größere Mengen Zucker enthalten können.
2. Ballaststoffe sind mindestens genauso wichtig
Für ein vielfältiges Darmökosystem reicht es nicht aus, nur fermentierte Lebensmittel zu essen. Entscheidend ist auch, welche Nährstoffe den Mikroorganismen im Dickdarm zur Verfügung stehen.
Hier kommen vor allem ballaststoffreiche pflanzliche Lebensmittel ins Spiel: Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Obst sowie Nüsse und Samen liefern verschiedene unverdauliche oder schwer verdauliche Bestandteile, die teilweise bis in den Dickdarm gelangen.
Dort können bestimmte Darmbakterien diese Stoffe weiterverarbeiten und daraus unter anderem die bereits beschriebenen kurzkettigen Fettsäuren bilden.

3. Besonders interessant ist deshalb die Kombination
Ein einfaches Beispiel wäre Naturjoghurt mit Haferflocken, Beeren, Nüssen und Samen. Damit kombiniert man ein fermentiertes Lebensmittel mit unterschiedlichen pflanzlichen Lebensmitteln und Ballaststoffquellen.
Genau das entspricht wahrscheinlich besser unserem heutigen Verständnis von Darmgesundheit als die Suche nach einem einzelnen „Superfood“. Denn auch unser Darmmikrobiom lebt von Vielfalt.
Der praktischere Blick
Nicht die Frage „Welches eine Lebensmittel ist besonders gesund?“ ist wahrscheinlich entscheidend, sondern: Wie vielfältig ist die Ernährung, die unser Darmmikrobiom jeden Tag bekommt?
4. Ernährung ergänzt Vorsorge – sie ersetzt sie nicht
So spannend die neuen Ergebnisse sind: Auch eine ausgewogene Ernährung kann medizinische Früherkennung nicht ersetzen.
Regelmäßiger Joghurtkonsum macht eine Darmkrebsvorsorge also keinesfalls überflüssig. Ernährung und Vorsorge sind vielmehr zwei unterschiedliche Bausteine, wenn es um langfristige Gesundheit geht.
Wo liegen die Grenzen der aktuellen Studie?
So interessant die Zahl von rund 50 % niedrigeren Odds ist: Das Studiendesign hat klare Grenzen.
Die Studie zeigt einen Zeitpunkt – keine Entwicklung über Jahre
Die rund 50 % niedrigeren statistischen Odds sind ein deutliches und wissenschaftlich interessantes Ergebnis. Um es richtig einordnen zu können, muss man jedoch auch verstehen, was das Studiendesign leisten kann – und was nicht.
Die Studie zeigt einen Zusammenhang, aber keinen zeitlichen Verlauf
Bei der Untersuchung handelt es sich um eine sogenannte Querschnittsanalyse. Vereinfacht gesagt betrachteten die Forschenden Ernährungsgewohnheiten und Krankengeschichte innerhalb eines bestehenden Datensatzes.
Dadurch lässt sich beispielsweise nicht vollständig ausschließen, dass eine bestehende Erkrankung bereits das Ernährungsverhalten beeinflusst hat. Wissenschaftler sprechen hier von umgekehrter oder reverser Kausalität: Nicht die Ernährung beeinflusst die Erkrankung, sondern die Erkrankung möglicherweise die Ernährung.
Ernährungsdaten sind nie vollkommen exakt
Ein weiterer Punkt betrifft die Datenerhebung. Teile der Informationen beruhten auf Befragungen und Selbstauskünften. Das ist bei großen Ernährungsstudien üblich, bringt aber eine gewisse Ungenauigkeit mit sich. Schließlich erinnert sich kaum jemand exakt daran, was er über Wochen hinweg gegessen hat und in welchen Mengen.
Joghurt wurde nicht isoliert betrachtet
Besonders wichtig für unseren Artikel: In der zentralen Analyse wurden Joghurt, Präbiotika und Probiotika gemeinsam betrachtet. Wir können aus dem Ergebnis deshalb nicht ableiten, dass Joghurt allein für den beobachteten Zusammenhang verantwortlich war. Vielmehr zeigt die Studie einen Zusammenhang für diese gemeinsam betrachtete Gruppe von Ernährungsfaktoren.
Die wichtigste Einordnung
Die Studie liefert einen bemerkenswerten Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Joghurt, Präbiotika beziehungsweise Probiotika und einer geringeren Häufigkeit berichteter Darmkrebsdiagnosen. Sie beweist jedoch nicht, dass eines dieser Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel Darmkrebs verhindert.
Darmmikrobiom und gesundes Altern: Das größere Bild
Vielleicht ist genau dieser größere Zusammenhang am Ende sogar spannender als die einzelne Zahl zum Darmkrebs.
Denn unser Darmmikrobiom ist kein statisches System. Seine Zusammensetzung kann sich im Laufe unseres Lebens verändern, beeinflusst durch Ernährung, Medikamente, Bewegung, Umwelt und viele weitere Faktoren.

Mit zunehmendem Alter wird deshalb immer intensiver untersucht, welche Rolle das Darmmikrobiom für gesundes Altern spielen könnte. Forschende interessieren sich beispielsweise dafür, wie Veränderungen der mikrobiellen Gemeinschaft mit Stoffwechsel, Immunfunktion, Entzündungsprozessen und altersassoziierten Erkrankungen zusammenhängen.
Viele dieser Zusammenhänge sind noch nicht vollständig verstanden. Klar wird aber zunehmend, dass wir unseren Körper nicht isoliert von den Mikroorganismen betrachten können, die ihn besiedeln.
Wir versorgen mit unserer Ernährung also nicht nur unsere eigenen Zellen mit Nährstoffen. Wir beeinflussen gleichzeitig ein mikrobielles Ökosystem aus Billionen von Mikroorganismen.
Und genau darin liegt eine der faszinierendsten Entwicklungen der modernen Ernährungsforschung: Die Frage lautet längst nicht mehr nur, welche Nährstoffe in einem Lebensmittel stecken, sondern zunehmend auch, was in unserem Darm anschließend daraus entsteht – und wie diese Prozesse mit unserer langfristigen Gesundheit zusammenhängen.
FAQ: Joghurt und Darmgesundheit
Ist Joghurt gut für den Darm?
Joghurt ist ein fermentiertes Lebensmittel und enthält charakteristische Bakterienkulturen. Wie stark einzelne Produkte das Darmmikrobiom beeinflussen, hängt jedoch von den enthaltenen Kulturen, der Verarbeitung, der Ernährung insgesamt und individuellen Faktoren ab.
Senkt Joghurt das Darmkrebsrisiko?
Das lässt sich anhand der aktuellen Studie nicht behaupten. Sie fand einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika und niedrigeren Odds für eine berichtete Darmkrebsdiagnose. Aufgrund des Studiendesigns kann daraus keine kausale Schutzwirkung abgeleitet werden.
Was ist besser für den Darm: Probiotika oder Präbiotika?
Beide erfüllen unterschiedliche Funktionen. Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen, während Präbiotika bestimmten Mikroorganismen als verwertbare Substrate dienen. Für die langfristige Darmgesundheit ist wahrscheinlich das gesamte Ernährungsmuster wichtiger als die isolierte Betrachtung eines einzelnen Bestandteils.
Welcher Joghurt ist besonders sinnvoll?
Naturjoghurt ohne große Mengen zugesetzten Zucker lässt sich gut in eine ausgewogene Ernährung integrieren. Besonders interessant ist die Kombination mit ballaststoffreichen Lebensmitteln wie Haferflocken, Beeren, Nüssen oder Samen.
Kann Joghurt eine Darmkrebsvorsorge ersetzen?
Nein. Ernährung und medizinische Früherkennung erfüllen unterschiedliche Funktionen. Vorsorgeuntersuchungen sollten unabhängig von der persönlichen Ernährungsweise entsprechend der individuellen Empfehlung wahrgenommen werden.
Fazit: Ein unscheinbares Lebensmittel – und ein erstaunlich komplexes biologisches System
Die neue NHANES-Analyse liefert einen spannenden weiteren Hinweis auf die mögliche Verbindung zwischen Ernährung, Darmmikrobiom und langfristiger Darmgesundheit.
Unter 9.405 Erwachsenen ab 50 Jahren war der Konsum von Joghurt, Präbiotika oder Probiotika mit ungefähr 50 % niedrigeren statistischen Odds für eine berichtete Darmkrebsdiagnose verbunden.
Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis.
Gleichzeitig erlaubt das Studiendesign keine Aussage darüber, ob der Konsum tatsächlich die Ursache für diesen Unterschied war.
Die sinnvollste Schlussfolgerung lautet deshalb nicht:
„Iss Joghurt und verhindere Darmkrebs.“
Sondern:
Unsere Ernährung und unser Darmmikrobiom sind eng miteinander verbunden – und fermentierte Lebensmittel wie Naturjoghurt können ein interessanter Bestandteil einer vielfältigen, ballaststoffreichen und ausgewogenen Ernährung sein.
Vielleicht ist genau das die spannendste Erkenntnis hinter dieser Studie:
Mit jeder Mahlzeit ernähren wir nicht nur unseren Körper. Wir beeinflussen gleichzeitig Milliarden von Mikroorganismen, die Teil unseres biologischen Systems sind.
Und je besser wir dieses Zusammenspiel verstehen, desto klarer wird, warum Ernährung selten auf einen einzelnen Nährstoff oder ein einzelnes Lebensmittel reduziert werden kann.