Kreatin bei Long COVID: Pilotstudie liefert erste Hinweise auf weniger Fatigue

Kreatin bei Long COVID: Pilotstudie liefert erste Hinweise auf weniger Fatigue

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Forschung aktuell

Kann Kreatin Fatigue bei Long COVID lindern?

Eine neue randomisierte Pilotstudie liefert ein interessantes, aber noch vorläufiges Ergebnis: Menschen mit Long-COVID-bedingter Fatigue berichteten nach vier Wochen mit täglich 6 g Kreatin über eine stärkere Abnahme ihrer Erschöpfung als die Placebogruppe. Gleichzeitig verbesserte sich ihre Handgriffkraft. Eine höhere Dosis von 18 g täglich brachte diese Vorteile dagegen nicht.

Übersicht

  1. Warum Kreatin bei Long COVID untersucht wird
  2. So war die Studie aufgebaut
  3. Die wichtigsten Ergebnisse
  4. Warum mehr Kreatin nicht besser war
  5. Wie belastbar sind die Ergebnisse?
  6. Was Betroffene daraus ableiten können
  7. FAQ

Warum Kreatin bei Long COVID untersucht wird

Fatigue gehört zu den häufigsten Beschwerden beim Post-COVID-Syndrom. Viele Betroffene erleben eine anhaltende körperliche und geistige Erschöpfung, die sich durch Schlaf oder Ruhe kaum bessert und alltägliche Aufgaben deutlich erschweren kann.

Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig verstanden und vermutlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Genauer untersucht werden momentan unter anderem anhaltende Veränderungen des Immunsystems, entzündliche Prozesse, Störungen der Durchblutung und mögliche Beeinträchtigungen des zellulären Energiestoffwechsels. Bei einigen Betroffenen tritt zudem eine Belastungsintoleranz auf: Selbst geringe körperliche oder geistige Anstrengungen können die Beschwerden zeitversetzt verstärken.

Hier setzt das wissenschaftliche Interesse an Kreatin an. Kreatin ist Teil eines körpereigenen Systems, das Zellen dabei hilft, kurzfristig Energie bereitzustellen. Als Phosphokreatin kann es eine Phosphatgruppe auf ADP übertragen, sodass erneut ATP entsteht – der unmittelbar nutzbare Energieträger unserer Zellen.

Die Theorie hinter Kreatin bei Long COVID

Wenn die zelluläre Energiebereitstellung bei Long COVID beeinträchtigt ist, könnte eine Unterstützung des Kreatin-Phosphokreatin-Systems theoretisch dazu beitragen, Energiereserven in Muskeln und anderen Geweben besser verfügbar zu machen. Ob und in welchem Umfang sich daraus ein spürbarer Nutzen ergibt, muss jedoch in klinischen Studien untersucht werden.

Frühere Untersuchungen haben erste Hinweise darauf geliefert, dass die Kreatinkonzentrationen im Muskel- und Gehirngewebe bei einzelnen Menschen mit Long COVID vermindert sein könnten. Daraus entstand die Hypothese, dass eine zusätzliche Kreatinzufuhr das körpereigene Energiesystem unterstützen könnte. Ob sich dadurch auch Beschwerden messbar verbessern, sollte nun die neue Studie klären.

So war die Studie aufgebaut

Das brasilianische Forschungsteam führte eine randomisierte, einfach verblindete und placebokontrollierte Pilotstudie durch. Teilnehmen konnten Erwachsene, die nach einer bestätigten COVID-19-Erkrankung seit mindestens zwölf Wochen unter anhaltender Fatigue litten.

Insgesamt wurden 67 Personen nach dem Zufallsprinzip auf drei Gruppen verteilt:

  • 6 g Kreatin-Monohydrat täglich
  • 18 g Kreatin-Monohydrat täglich
  • 6 g Maltodextrin täglich als Placebo

Die Einnahme erfolgte über 28 Tage. 58 Personen schlossen die Studie vollständig ab: 21 in der 6-g-Gruppe, 19 in der 18-g-Gruppe und 18 in der Placebogruppe. Das Durchschnittsalter lag bei 52 Jahren, rund drei Viertel der Teilnehmenden waren Frauen.

Wichtig für die Einordnung: Alle drei Gruppen absolvierten dasselbe Rehabilitationsprogramm mit drei Einheiten pro Woche. Es umfasste Ausdauer-, Kraft-, Atem-, Beweglichkeits- und Gleichgewichtsübungen. Verglichen wurde also nicht Kreatin mit vollständiger Inaktivität, sondern Kreatin plus Rehabilitation mit Placebo plus Rehabilitation.

Als primären Endpunkt legten die Forschenden die Fatigue fest, gemessen mit der überarbeiteten Piper Fatigue Scale. Dabei beantworten die Teilnehmenden 22 Fragen zu verschiedenen Bereichen ihrer Erschöpfung – etwa zur Stärke der Fatigue sowie zu ihren körperlichen, emotionalen und geistigen Auswirkungen. Die Antworten werden auf einer Skala von 0 bis 10 zusammengefasst: Je höher der Wert, desto stärker die empfundene Fatigue. Zusätzlich erfasste das Team unter anderem Handgriffkraft, Gehstrecke, Atemmuskelkraft, Lungenfunktion, Körperzusammensetzung, Lebensqualität sowie Angst- und Depressionssymptome.

Die wichtigsten Ergebnisse

In der Gruppe mit 6 g Kreatin täglich ging die Fatigue stärker zurück als in der Placebogruppe. Auf der Skala von 0 bis 10 verbesserte sich der Wert im Durchschnitt um zusätzliche 2,05 Punkte. Das bedeutet: Die Teilnehmenden berichteten nach vier Wochen über spürbar weniger Erschöpfung als die Personen, die ein Placebo erhalten hatten. Der Unterschied war statistisch signifikant und damit wahrscheinlich nicht allein durch Zufall entstanden. Das berechnete 95-%-Konfidenzintervall lag zwischen 0,63 und 3,47 Punkten. Vereinfacht gesagt beschreibt dieser Bereich, wie groß der tatsächliche Unterschied nach Einschätzung der Forschenden wahrscheinlich war.

Auch bei der Handgriffkraft schnitt die 6-g-Gruppe besser ab. Der Unterschied zur Placebogruppe entsprach durchschnittlich 4,40 Kilogramm-Kraft. Die Handgriffkraft bildet zwar nicht die gesamte körperliche Leistungsfähigkeit ab, lässt sich aber einfach und zuverlässig messen. In Studien wird sie daher häufig als Hinweis auf die allgemeine Muskelkraft verwendet.

Das Ergebnis in Kürze

  • 6 g Kreatin täglich: Fatigue und Handgriffkraft verbesserten sich stärker als unter Placebo.
  • 18 g Kreatin täglich: In dieser Gruppe zeigte sich kein vergleichbarer Vorteil.
  • Keine signifikanten Gruppenunterschiede bei Gehstrecke, Lungenfunktion oder Lebensqualität
  • Beobachtungszeitraum: lediglich vier Wochen

Auch bei den meisten weiteren Messwerten zeigte Kreatin keinen statistisch signifikanten Vorteil gegenüber dem Placebo. Das galt unter anderem für die Sechs-Minuten-Gehstrecke, die Atemmuskelkraft, die Lungenfunktion, die Körperzusammensetzung, die Lebensqualität sowie Angst- und Depressionssymptome.

Die Ergebnisse bedeuten daher nicht, dass sich die Long-COVID-Symptomatik insgesamt verbesserte. Sie liefern vielmehr ein erstes positives Signal für zwei konkrete Bereiche: die von den Teilnehmenden empfundene Fatigue und ihre gemessene Handgriffkraft.

Warum mehr Kreatin nicht besser war

Bemerkenswert ist, dass sich nur bei der niedrigeren Dosis ein Vorteil zeigte. Bei 18 g Kreatin täglich unterschied sich die Entwicklung der Fatigue nicht signifikant von der Placebogruppe. Warum das so war, lässt sich aus der Studie nicht sicher ableiten. Mögliche Erklärungen sind Unterschiede bei Verträglichkeit, Einnahmetreue, Körpergewicht oder individueller Reaktion. Denkbar ist auch, dass die Wirkung nicht mit steigender Dosis zunimmt. Aufgrund der kleinen Gruppen können zudem Zufallsschwankungen eine Rolle gespielt haben.

Die Studie kann nicht abschließend erklären, warum das so war. Denkbar sind Unterschiede bei Verträglichkeit, Einnahmetreue, Körpergewicht oder individueller Reaktion. Auch ein nichtlinearer Dosis-Wirkungs-Zusammenhang ist möglich. Aufgrund der kleinen Gruppen können Zufallsschwankungen ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. Magen-Darm-Beschwerden wurden in der 18-g-Gruppe häufiger beobachtet. Übelkeit meldeten dort 42,8 Prozent der Teilnehmenden, verglichen mit 22,7 Prozent in der 6-g-Gruppe und 4,7 Prozent in der Placebogruppe. Die Unterschiede waren statistisch nicht signifikant. Laut Studienbericht klangen alle Beschwerden ohne medizinische Behandlung wieder ab.

Magen-Darm-Beschwerden traten in der 18-g-Gruppe häufiger auf. Übelkeit wurde dort von 42,8 % der Teilnehmenden berichtet, gegenüber 22,7 % in der 6-g-Gruppe und 4,7 % in der Kontrollgruppe. Die Gruppenunterschiede waren statistisch nicht signifikant, und sämtliche Beschwerden klangen laut Studienbericht ohne medizinische Behandlung wieder ab.

In beiden Kreatingruppen stieg außerdem der gemessene Kreatininwert im Blut geringfügig an. Ohne weitere klinische Auffälligkeiten wertete das Forschungsteam dies nicht als Hinweis auf eine relevante Beeinträchtigung der Nierenfunktion. Kreatinin ist ein Abbauprodukt des Kreatinstoffwechsels. Bei einer Kreatineinnahme sollte der Wert deshalb stets im entsprechenden Zusammenhang beurteilt werden.

Wie belastbar sind die Ergebnisse?

Das randomisierte und placebokontrollierte Studiendesign ist eine wichtige Stärke. Der primäre Endpunkt wurde vorab festgelegt, und die Abschlussuntersuchungen nahm eine Person vor, die nicht wusste, welcher Gruppe die Teilnehmenden angehörten.

Trotzdem handelt es sich ausdrücklich um eine Pilotstudie. Daraus ergeben sich mehrere Limitationen:

  • Die drei Gruppen waren mit jeweils etwa 20 Personen sehr klein.
  • Die Intervention dauerte nur vier Wochen.
  • Die Teilnehmenden wussten nicht, welcher Gruppe sie angehörten; die übrige Studienorganisation war jedoch nicht vollständig doppelt verblindet.
  • Alle Gruppen trainierten gleichzeitig, sodass sich die Wirkung von Kreatin nur als Zusatz zum Rehabilitationsprogramm beurteilen lässt.
  • Die übliche Kreatinzufuhr über die Ernährung wurde nicht detailliert erfasst.
  • Neben dem primären Endpunkt wurden zahlreiche weitere Werte untersucht, wodurch zufällige Treffer wahrscheinlicher werden.
  • Die Ergebnisse einer einzelnen Stichprobe lassen sich nicht automatisch auf alle Menschen mit Long COVID übertragen.

Unsere Einordnung

Die Studie liefert ein vielversprechendes Signal, aber noch keinen belastbaren Nachweis für Kreatin als Element in der Behandlung von Long COVID. Größere, länger dauernde und vollständig doppelt verblindete Studien müssen das Ergebnis zunächst bestätigen.

Was Betroffene daraus ableiten können

Die Ergebnisse liefern einen ersten Anhaltspunkt dafür, dass Kreatin für manche Menschen mit Long COVID interessant sein könnte. Da Kreatin gut untersucht und bei gesunden Erwachsenen in üblichen Mengen in der Regel gut verträglich ist, kann ein zeitlich begrenzter, individuell abgestimmter Einnahmeversuch erwogen werden. Eine Garantie für eine spürbare Wirkung gibt es jedoch nicht.

Kreatin ist keine zugelassene Therapie für Long COVID, und die bisherige Datenlage reicht noch nicht für eine allgemeine Behandlungsempfehlung aus. Ebenso gibt es keinen zug zugelassenen EU-Health-Claim zur Linderung von Long-COVID-Beschwerden. Long COVID kann sehr unterschiedlich verlaufen. Insbesondere bei Belastungsintoleranz oder Post-Exertional Malaise sollte Kreatin nicht als Anlass verstanden werden, die körperliche Belastung unkontrolliert zu steigern. Bewegung und Rehabilitation müssen an das individuelle Beschwerdebild angepasst und möglichst fachlich begleitet werden.

Bei bestehenden Erkrankungen, auffälligen Nierenwerten, Schwangerschaft, Stillzeit oder regelmäßiger Medikamenteneinnahme sollte die Einnahme vorher ärztlich abgeklärt werden. Das gilt besonders bei ausgeprägten oder anhaltenden Beschwerden nach einer COVID-19-Erkrankung.

Wissenschaft statt vorschneller Versprechen

Ein interessantes Ergebnis – noch keine Therapieempfehlung

Die Untersuchung zeigt, warum Kreatin auch jenseits des Sports wissenschaftlich interessant ist. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie wichtig eine vorsichtige Einordnung kleiner Pilotstudien bleibt. Bei Long COVID gehören Diagnose und Behandlung in medizinische Hände.

FAQ: Kreatin und Long COVID

Hilft Kreatin gegen Long-COVID-Fatigue?

Eine kleine Pilotstudie fand nach vier Wochen mit 6 g Kreatin täglich eine stärkere Abnahme der Fatigue als unter Placebo. Das Ergebnis muss jedoch in größeren Studien bestätigt werden und belegt noch keine allgemein wirksame Behandlung.

Welche Kreatindosis wurde untersucht?

Untersucht wurden 6 g und 18 g Kreatin-Monohydrat pro Tag. Nur bei 6 g zeigte sich ein Vorteil für Fatigue und Handgriffkraft. Die höhere Dosis war nicht wirksamer.

Wie schnell trat die Veränderung ein?

Die zweite Untersuchung erfolgte nach etwa vier Wochen. Die Studie erlaubt keine Aussage darüber, wann innerhalb dieses Zeitraums die Veränderung begann oder ob sie langfristig bestehen bleibt.

Ist Kreatin bei Long COVID sicher?

In der Pilotstudie traten keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse auf. Vor allem bei 18 g täglich wurden jedoch häufig Magen-Darm-Beschwerden gemeldet. Die individuelle Sicherheit sollte bei Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme medizinisch beurteilt werden.

Kann Kreatin eine medizinische Behandlung ersetzen?

Nein. Kreatin ist keine zugelassene Behandlung für Long COVID. Anhaltende Erschöpfung, Atemnot, Brustschmerzen, Kreislaufprobleme oder kognitive Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden.

Fazit: Ein ermutigendes Pilotsignal mit offenen Fragen

Die neue Studie liefert erste kontrollierte Hinweise darauf, dass 6 g Kreatin täglich als Ergänzung zu einem Rehabilitationsprogramm die Fatigue und Handgriffkraft bei Menschen mit Long COVID günstig beeinflussen könnten.

Gleichzeitig mahnen mehrere Befunde zur Zurückhaltung: Die höhere Dosis von 18 g war nicht wirksam, die meisten sekundären Endpunkte veränderten sich nicht signifikant und die Untersuchung war klein und kurz. Aus einem interessanten biologischen Ansatz ist damit noch keine etablierte Therapie geworden.

Die passende Schlussfolgerung lautet daher nicht „Kreatin behandelt Long COVID“, sondern: Das Kreatin-Phosphokreatin-System könnte bei einem Teil der Betroffenen therapeutisch relevant sein und sollte nun in größeren, methodisch robusten Studien weiter untersucht werden.

Referenzen
Dos Santos MSC, et al. Creatine supplementation on fatigue related to post-COVID-19 condition—fatigue study: a randomized controlled trial. Frontiers in Nutrition. 2026;13:1731306. DOI: 10.3389/fnut.2026.1731306
Slankamenac J, et al. Effects of six-month creatine supplementation on patient- and clinician-reported outcomes, and tissue creatine levels in patients with post-COVID-19 fatigue syndrome. Food Science & Nutrition. 2023;11:6899–6906. DOI: 10.1002/fsn3.3597
Ranisavljev M, et al. Reduced tissue creatine levels in patients with long COVID-19: a cross-sectional study. Journal of Postgraduate Medicine. 2023;69:162–163. DOI: 10.4103/jpgm.jpgm_65_23

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Diagnose oder Behandlung. Nahrungsergänzungsmittel sind nicht zur Behandlung von Long COVID bestimmt.

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